Die Spielzeit 2017/18 im Theater Bielefeld

Freiheit

Das Theater Bielefeld befragt in der Spielzeit 2017/18 den Begriff der »Freiheit«.

Freiheit ist ein lebenslanges Abenteuer: riskant und unendlich interessant. Freiheit muss immer wieder erarbeitet, von neuem verteidigt und geschützt werden. Freiheit ist anstrengend. Sie ist der permanente Konflikt einer Organisation sich widersprechender Meinungen. Freiheit ist wunderbar, denn sie gibt der Gemeinsamkeit einen Wert.

Die größte Leistung der westlichen Moderne besteht darin, es den Menschen ermöglicht zu haben, ihr Leben frei zu gestalten. Wir leben in einer großartigen Demokratie. Aber wenn wir sie nicht aktiv mitgestalten, wird unsere Freiheit von antidemokratischen Kräften verdrängt. Eine liberale Gesellschaft braucht einen respektvollen gegenseitigen Umgang und sie braucht eine gute Streitkultur. Streit ist ein notwendiges und belebendes Mittel. Wenn wir Konflikte ignorieren, verselbstständigen sie sich in Randbereichen und im Unausgesprochenen. Freiheit setzt permanente geistige und praktische Arbeit voraus und ist heute härter umkämpft denn je. Sie wächst ins Uferlose und sie wird eingegrenzt. Nie hatten so viele Menschen so leicht Zugang zu Informationen wie heute. Nie konnte man mit einem Mausklick weltweit Unterstützer finden. Nie war es technisch einfacher, autoritäre Regime zu etablieren, aber auch Widerstand gegen autoritäre Regime zu organisieren.
Was muss ein Staat tun, um seine Bürger zu schützen? Was darf er nicht tun, weil sonst die Freiheit der Sicherheit geopfert wird? Wie können wir verhindern, dass unsere Mehrheitsgesellschaft die Menschen verliert? Was ist die gemeinsame Sache? Wie wollen wir unsere Gesellschaft gestalten? Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, heißt es bei Schiller. Kunst braucht Freiheit. Sie muss risikobereit sein und sich dem Offensichtlichen verweigern dürfen. Sie muss auch sperrig sein können, denn dann öffnet sie Raum für neue Gedanken. 

Nach »wir sind viele« und »Diesen Kuss der ganzen Welt!« bleiben wir politisch. Die Zeiten, in denen wir leben, politisieren uns über das übliche Maß hinaus. Wir mischen uns ein und bleiben optimistisch!

Die Musiktheatersaison eröffnet mit Avenue Q: Das ausgesprochen junge und freche Musical wird zum großen Teil von Puppen à la Sesamstraße bevölkert, die politisch Unkorrektes lustvoll und in schmissigen Songs präsentieren. Und deren Alltagsprobleme so zeitlos wie nachfühlbar sind. Im Oktober folgt mit Giuseppe Verdis Spätwerk Otello ein Highlight des italienisch-romantischen Musikdramas. Jules Massenets Werther, zum Inbegriff des Lyrischen Dramas geworden, überträgt die bewegende Emotionalität von Goethes Briefroman kongenial auf die Opernbühne. Die zweite Spielzeithälfte beginnt im Januar mit Benzin von Emil Nikolaus von Reznicek, einer komödiantischen Referenz an das Schneller-Weiter-Höher der Goldenen Zwanzigerjahre, die musikalisch zwischen Richard Strauss, Paul Abraham und Jazzmusik oszilliert. Im März kommt Richard Wagners Rheingold auf die Stadttheaterbühne – bewusst isoliert, als in sich geschlossener Kosmos betrachtet. Mit Orlando paladino hat Joseph Haydn eine unkonventionelle, romantische Fantasy-Oper geschrieben, die ab April ein Feuerwerk an absurd-komischen Ideen und musikalischem Witz verspricht. Schließlich folgt im Mai mit Frühlings Erwachen das zweite Musical und im Juni Wolfgang Rihms Kammeroper Jakob Lenz – ein Meisterwerk, das sich seit seiner Uraufführung 1979 zu einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Opern des 20. Jahrhunderts entwickelt hat.  Wiederaufgenommen werden Mozarts Die Zauberflöte und William Ward Murtas Musical-Uraufführung Das Molekül.

TANZ Bielefeld spürt zu Beginn der Saison der schicksalhaften Liebesgeschichte von Romeo und Julia nach. Chefchoreograf Simone Sandroni entwickelt dabei seine eigene tänzerische Ausdrucksweise, fernab von klassischen Ballettvorlagen. Musikalisch taucht der Abend gänzlich in die orchestrale Musik von Sergej Prokofjew ab, live gespielt von den Bielefelder Philharmonikern. Im Januar loten die TänzerInnen in dem intermedialen Tanzabend hautnah die Beziehung zwischen Körper und Kleidung neu aus. Dieses Stück findet im Rahmen des interdisziplinären Kunst- und Forschungsprojekts STOFF – gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes – statt. Im Frühjahr widmet sich TANZ Bielefeld in past forward einem Tänzer und Choreografen, der maßgeblich an der Erneuerung des Genres mitgewirkt hat: Gerhard Bohner. Im Zentrum des Abends steht sein Werk Angst und Geometrie. Dabei treten Tanzerbe und gegenwärtige Tanzlandschaft in einen Dialog: Das Kölner Akrobaten- und Choreografenduo Overhead Project sowie die Choreografen Nikita Korotkov, Lali Ayguadé und Simone Sandroni entwickeln die disziplinierten Bewegungsabläufe von Bohner weiter, streben der bebenden Konzentration und Präzision nach oder nehmen im Kontrast zu Angst und Geometrie flirrende Bewegungen auf. past forward wird vom TANZFONDS ERBE gefördert – einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes. Weitergeführt wird außerdem das große Community-Dance-Projekt PHASE.

Das Schauspiel startet im Stadttheater mit George Orwells 1984 in einer Bühnenfassung von Duncan Macmillan und Robert Icke in die Saison. In einer Zeit, in der Worte wie Wahrheit, Realität und Freiheit keine Verbindlichkeit mehr besitzen, ist Orwells dystopischer Roman politischer und relevanter denn je. Im Theater am Alten Markt folgt Joseph Kesselrings morbide und hochnotkomische Kriminalgroteske Arsen und Spitzenhäubchen sowie Thomas Vinterbergs Die Kommune. In Ellbogen, dem fulminanten Debüt der 1986 in Karlsruhe geborenen Fatma Aydemir, geht es um ein junges Mädchen, das seinen Platz auf der Welt sucht und dabei auf die schiefe Bahn gerät. Im Januar kommt mit Chiffren von Dawn King eine deutschsprachige Erstaufführung zur Premiere im TAM. Die preisgekrönte Autorin hat – verpackt in eine Spionagegeschichte – ein Verwirrspiel von atemberaubender Komplexität geschaffen, das den Kern dessen berührt, was wir Identität und Wahrheit nennen. Weiter geht es mit Iwan Turgenjews Väter und Söhne in der Bühnenfassung von Brian Friel, Aischylos' großer Familientragödie Die Orestie und Molières Der Menschenfeind sowie Simon Stephens Heisenberg , eine Liebesgeschichte voller unerwarteter Wendungen. Im TAMDREI kommt mit Das Knurren der Milchstraße ein Stück von Bonn Park zur Uraufführung, und im TAMZWEI wird es nach Der Auftrag ein zweites Projekt des Dokumentarfilmers Konrad Kästner geben, das den Titel Die Möglichkeit trägt. Im Rahmen des interdisziplinären Kunst- und Forschungsprojekts STOFF, das im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes gefördert wird, präsentiert das Theater neben der Tanzproduktion hautnah noch zwei weitere Uraufführungen auf den Bielefelder Bühnen: Weißes Gold von Anne Jelena Schulte im TAMZWEI sowie ein Rechercheprojekt mit SchauspielerInnen, SängerInnen und MusikerInnen von Tobias Rausch im TAM. Als Familienstück zur Weihnachtszeit zeigt das Theater Schneeweißchen und Rosenrot der Gebrüder Grimm in einer Bühnenfassung von Manuel Schöbel. Wiederaufgenommen werden der Liederabend Istanbul, Wilhelm Tell und Paare.