Die Spielzeit 2018/19 im Theater Bielefeld

ICH

Nie zuvor stand das ICH so im Rampenlicht wie heute. Persönliche Erfolge und individuelle Rechte rücken immer mehr in den Fokus. Die Solidargemeinschaft droht zu zerbrechen, das Bewusstsein für die Verantwortung gegenüber dem Ganzen geht verloren. Gerät unsere Gesellschaft durch übertriebenen Individualismus ins Wanken? Ist er eine Gefahr für die Demokratie? Während in den westlichen Staaten extreme politische Kräfte Einfluss gewinnen und den sozialen Frieden gefährden, ist China auf dem Weg zur dominierenden Weltmacht: Liegt das Geheimnis des Erfolgs im Kollektivismus? Ist ein Land, in dem die Ziele und Bedürfnisse der Gruppe über den individuellen Wünschen stehen, stärker, weil es ihm mit autoritärer Macht gelingt, das WIR über das ICH zu stellen?


Was ist das ICH? Wer bin ICH? Welche Rolle spiele ICH im Leben und in der Gesellschaft? – Diese Fragen beschäftigen die Menschheit seit der Antike. »Erkenne dich selbst« mahnt die Tempel-Inschrift des Orakels von Delphi. Das Theater gibt der Suche nach dem ICH von jeher eine Bühne. »Cogito, ergo sum« – »Ich denke, also bin ich« formulierte Descartes während der Aufklärung. Wie haben sich das Denken und das ICH seitdem entwickelt?


Das Theater Bielefeld nimmt die Fragen rund um das eigene Sein, die Definition des Selbst und den Stellenwert des ICH in der heutigen digitalen Gesellschaft auf. In Filterblasen und Echoräumen werden uns durch Algorithmen nur noch die Informationen übermittelt, die zu uns passen. Objektivität wird ausgeschaltet. Die »Ich-Ich-Ich-Generation« der nach 1980 Geborenen erschafft in den sozialen Medien wie YouTube, Facebook und Instagram ein ausschließlich virtuelles Bild von sich selbst. Das ICH ist in der Gesamtgesellschaft längst zur Marke geworden. iPhone, myToys oder Ego-Shooter: Das Geschäft mit dem ICH bringt Millionengewinne. Definiert das ICH den Konsum oder der Konsum das ICH?


Die Zersplitterung breiter Wählerschichten, weg von den beiden großen Volksparteien, spiegelt auch eine Verschiebung der Konflikte innerhalb unserer Gesellschaft wider. Waren in der Vergangenheit Auseinandersetzungen zwischen Arbeitnehmern und Unternehmern sowie Klassengegensätze die zentralen Motive, wird die Politik nun zunehmend zu einem Kampf der Identitäten.


Die Definition des ICH schafft viele Trennlinien, die sich wie selbstverständlich durch unseren Alltag ziehen: Muslime gegen Christen, Männer gegen Frauen, Weiße gegen Schwarze, Heterosexuelle gegen Homosexuelle. Wenn gesellschaftliche Transformation auf Eigenschaften verengt wird, die nur schwer oder überhaupt nicht veränderbar sind, wie Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Glaube oder Gewohnheiten, wird das ICH zum Mittel der Abgrenzung.


Das Theater Bielefeld möchte sich den Kompliziertheiten der Gesellschaft bejahend öffnen. Es gilt, die negativen Auswirkungen der extremem Fokussierung auf das ICH zu benennen, die positiven Faktoren zu suchen und dafür zu sorgen, dass jedes ICH in unserer Stadt Platz hat.


Wo das Unaussprechliche sich mit dem Unbeschreiblichen paart, ist das Musiktheater ganz bei sich selbst. Ein hervorragendes Beispiel hierfür bietet die Oper Ariane und Blaubart, die von Paul Dukas in geradezu orgiastische Klangwelten getaucht wurde. Ariane findet im Kellervierlies ihres Bräutigams ihre Vorgängerinnen – und nimmt mit ihnen den Befreiungskampf gegen Blaubart auf. Zunächst aber kehrt mit Eliza Doolittle eine der beliebtesten Musicalfiguren überhaupt auf die Stadttheaterbühne zurück – in Frederick Loewes unverwüstlicher My Fair Lady zu Beginn der Spielzeit. La Traviata alias Violetta Valéry kämpft in Giuseppe Verdis Oper um ihren Lebenstraum. Rechtzeitig zur Adventszeit kommt Humperdincks Märchenspiel Hänsel und Gretel auf den Spielplan. Ein wahres Dilemma prägt Jake Heggies Oper Dead Man Walking, in deren Partitur Blues, Gospel- und Filmmusik enthalten sind: Ist die Todesstrafe eine adäquate Bestrafung für einen zweifelsfrei überführten Mörder? Die Eltern der Opfer und die den Täter betreuende Ordensschwester Helen stehen sich mit zwingenden Argumenten unvereinbar gegenüber. Johann Christian Bachs selten gespielte Oper Amadis stürzt mit überaus reizvollen frühklassischen Klängen eine Zauberin in Gefühlsnöte: Entpuppt sich doch der Mörder ihres Bruders als der von ihr heimlich geliebte Mann. Im Mai arbeiten Musiktheater und Schauspiel bei Lazarus eng zusammen. Das Musical von David Bowie und Enda Walsh bewegt sich höchst originell zwischen Rockkonzert, Schauspiel und Installation. Wie könnte man Offenbachs 200. Geburtstag im Juni schöner begehen als mit einer Neuinszenierung von Orpheus in der Unterwelt? Cancan inklusive. Wiederaufgenommen werden Mozarts Zauberflöte und die Kammeroper Anne und Zef von Monique Krüs.


TANZ Bielefeld widmet sich zu Beginn der Saison einem Schlüsselwerk der Ballettmusiken. Gemeinsam mit den Bielefelder Philharmonikern bringen Simone Sandroni und sein Ensemble Igor Strawinskys Der Feuervogel auf die Bühne des Stadttheaters. Im Mittelpunkt der Choreografie steht der Widerstreit des Prinzen Iwan Zarewitsch und des Zauberers Kastschej, den der Bielefelder Tanzchef von der russischen Märchenwelt ins Hier und Jetzt holt. Im Januar kommt ein neues Tanzstück an einem neuen Ort zur Uraufführung: Im Foyer des Konzerthauses Rudolf-Oetker-Halle gestalten drei internationale Gastchoreografen den Abend New Sites, der sich um das Thema »Raum« dreht, seine Bedeutung für das Geschehen auf der Bühne, aber auch für das reale Leben. Im dritten Stück der kommenden Spielzeit wird es autobiographisch. In Woher wir kommen (Arbeitstitel) begeben sich Simone Sandroni und die Tänzerinnen und Tänzer auf die Suche nach ihren Wurzeln. Gemeinsam inszenieren sie die Mythen ihres Heimatortes, die Anekdoten ihrer Großeltern, Familienrituale und Musiken, die ihnen das wohlige Gefühl von Zuhause geben. Persönliche Erinnerungen verschmelzen mit Bildern aus dem kollektiven Gedächtnis der Kulturen. Im April präsentiert TANZ Bielefeld im Stadttheater zudem wieder ein Gastspiel einer internationalen Kompanie. Weitergeführt werden außerdem die Community-Dance-Projekte Schrittmacher.

 

Das Schauspiel startet im September mit der Uraufführung von German Love Letter (zum Mond) der jungen Autorin Lisa Danulat im TAMDREI, einer Bühnenadaption von Édouard Louis‘ aufsehenerregendem neuen Roman Im Herzen der Gewalt (in Planung) im Theater am Alten Markt und einem herausfordernden Klassiker im Stadttheater: Schillers Die Jungfrau von Orleans. Im November geht es weiter mit Charlys Tante, einer der bekanntesten Verwechslungskomödien überhaupt, und der deutschen Erstaufführung von Kaleidoscope_To the Dark Side of the Moon, in der Pink Floyds weltberühmtes Album auf eine Erzählung des Science-Fiction-Autors Ray Bardbury trifft. Nils Zapfe lädt, nach Bonsai Bielefeld, wieder zu einem Audiowalk ein: Süßer Vogel Freiheit entführt die BesucherInnen in eine Wohnanlage der Zukunft im Stadtraum Bielefeld. Und natürlich steht ab November wieder das Familienstück zur Weihnachtszeit auf dem Programm. Dieses Mal geht die Reise in den Orient zu Aladin und die Wunderlampe. Das neue Jahr beginnt mit Stücken von zwei britischen und einer niederländischen Autorin: Samantha Ellis dekliniert in How to Date a Feminist lustvoll Geschlechterklischees und ihre Umkehrungen, Lucy Kirkwood hat mit Moskitos ein berührendes Familiendrama geschrieben, und Lot Vekemans begibt sich in ihrem neuen Stück Momentum in die abgründigen Sphären von Politik und Macht. Auch die Märzpremiere mit Alfred Jarrys König Ubu im Theater am Alten Markt widmet sich dem Thema Macht, in Form einer Groteske mit überraschend aktuellen Bezügen. Shakespeares Wie es euch gefällt im Stadttheater entführt die Zuschauer mit allerhand Liebesverkettungen in den Ardenner Wald. Der Regisseur und Dokumentarfilmer Konrad Kästner nimmt sich Goethes Faust 2 vor. In einer multimedialen Installation in der Tradition seiner filmisch-theatralischen Essays Der Auftrag und Die Möglichkeit packt er das zentrale literarische Werk der Deutschen bei den Hörnern. Am Ende der Spielzeit gibt es mit Lazarus von David Bowie und Enda Walsh im Stadttheater ein spartenübergreifendes Projekt zwischen Musiktheater und Schauspiel. Zudem begibt sich das gesamte Schauspielensemble in eigener Regie mit PReVolution im TAMZWEI und TAMDREI in einem Selbstversuch, der in der deutschen Theaterlandschaft seinesgleichen sucht! Über die ganze Spielzeit konzipiert ist ein ebenfalls neues Format: Alfred Döblins gigantisches Erzählwerk Eine deutsche Revolution. November 1984, dessen politische Strahlkraft nichts an Brisanz verloren hat, wird in einem szenischen Langzeitlesungsprojekt im Konzerthaus Rudolf-Oetker-Halle sinnlich erlebbar gemacht. Wiederaufgenommen werden die Liederabende Istanbul und Ewig jung sowie Paare, Ellbogen, Heisenberg, Konstellationen und Weißes Gold.